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Digitalisierung mit Scheuklappen?

Der Gast darf nicht zum Bediener des Systems werden: Service, Wahlfreiheit und Transparenz.

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Apps, Automaten, bargeldlose Kassen und künstliche Intelligenz können den Service verbessern. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass persönliche Ansprechpartner, Barzahlung und echte Wahlfreiheit verschwinden.

Die Digitalisierung schreitet auf Norderney mit großen Schritten voran. Das Staatsbad setzt auf Apps, Onlinebuchungen, QR-Codes, digitale Terminals und bargeldlose Zahlungsprozesse. Auch bei der Reederei Norden-Frisia werden digitale
Angebote ausgebaut und Teile der telefonischen Kommunikation automatisiert.

Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen. Digitale Angebote können Wartezeiten verkürzen, Buchungen vereinfachen und Informationen rund um die Uhr verfügbar machen.

Doch Digitalisierung ist nicht automatisch Fortschritt.

Wenn Gäste bestimmte Leistungen nur noch bargeldlos bezahlen können, wenn sie für eine einfache Auskunft erst mit einer künstlichen Stimme sprechen müssen und wenn persönliche Ansprechpartner zunehmend schwerer erreichbar sind, stellt
sich eine entscheidende Frage:

Wird die Technik an die Bedürfnisse der Gäste angepasst – oder sollen sich die Gäste inzwischen der Technik unterwerfen?

Für die Freien Wähler Norderney ist klar: Digitalisierung muss den Menschen dienen. Sie darf nicht benutzt werden, um Wahlmöglichkeiten abzuschaffen oder persönlichen Service durch Automaten und künstliche Intelligenz zu ersetzen.

Seit April 2025: zahlreiche Angebote nur noch bargeldlos

Die Staatsbad Norderney GmbH hat ihre Zahlungsprozesse zum 28. April 2025 in wesentlichen Bereichen auf ein bargeldloses System umgestellt.

Ausschließlich bargeldlos bezahlt werden können seitdem unter anderem:

  • Eintritte und Behandlungen im Badehaus,
  • Veranstaltungs- und Kinokarten,
  • Einkäufe im „Meine Insel“-Laden.

Bereits seit 2023 wird auch die Strandkorbbuchung ausschließlich bargeldlos abgewickelt.

Als Zahlungsmöglichkeiten nennt das Staatsbad unter anderem PayPal, Apple Pay, Mastercard, Visa und Sofortüberweisung. Außerdem können Buchungen über die App „Norderney – mein Inselassistent“ oder über die Internetseite des Staatsbades
vorgenommen werden.

Das Staatsbad begründet die Umstellung mit einfacheren, schnelleren, sichereren und transparenteren Abläufen. Die Entscheidung zur Umstellung wurde nach eigenen Angaben auf Leitungsebene der Staatsbad Norderney GmbH getroffen.

Diese Angaben stammen nicht aus Vermutungen oder Hörensagen, sondern aus der veröffentlichten Kampagne des Staatsbades. Tourismusnetzwerk Niedersachsen: „Bargeldlos!“

Rechtlich darf das Staatsbad die Zahlungsart bei seinen privatwirtschaftlich angebotenen Leistungen selbst bestimmen. Der Gästebeitrag ist als öffentlich-rechtliche Abgabe anders zu behandeln und kann weiterhin bar bezahlt werden.

Aber man muss etwas sehr deutlich sagen:

Nur weil eine Regelung rechtlich zulässig ist, ist sie noch lange nicht automatisch gastfreundlich.

Der Umweg über die Gutscheinkarte

Menschen ohne Karte oder digitales Zahlungsmittel können nach Angaben des Staatsbades in der Touristinformation eine Gutscheinkarte gegen Bargeld erwerben. Mit dieser Karte lassen sich anschließend die betreffenden Leistungen bezahlen.

Auf dem Papier wird damit niemand vollständig ausgeschlossen. In der Praxis entsteht jedoch ein zusätzlicher Weg:

Zunächst muss während der Öffnungszeiten die Touristinformation aufgesucht werden. Dort wird ein Gutschein gekauft, der anschließend an anderer Stelle als Zahlungsmittel dient. An einer Abendkasse kann dieser Umweg naturgemäß nicht
mehr nachgeholt werden, wenn die Touristinformation bereits geschlossen ist.

Hinzu kommt: Eine Auszahlung des Restguthabens ist nach den veröffentlichten Bedingungen nicht vorgesehen. Das Guthaben bleibt lediglich für eine spätere Verwendung erhalten.

Das Staatsbad bezeichnet diese Lösung als bequem und sicher. Wir sehen das kritischer.

Wer einen Kinoeintritt, eine Anwendung oder einen Artikel kaufen möchte, sollte dafür nicht zuerst an einer anderen Stelle einen Gutschein beschaffen müssen. Das ist keine Vereinfachung, sondern eine Verlagerung des Aufwands auf den
Gast.

Aus einer einfachen Barzahlung wird ein kleiner Verwaltungsakt.

Die neuesten Bundesbankzahlen sprechen eine klare Sprache

Dass Bargeld weiterhin eine große Rolle spielt, zeigt die im Juni 2026 veröffentlichte Studie „Zahlungsverhalten in Deutschland 2025“ der Deutschen Bundesbank.

Danach wurden 2025 erstmals 55 Prozent der erfassten Alltagszahlungen bargeldlos vorgenommen. Gleichzeitig blieb Bargeld mit rund 45 Prozent aller Transaktionen das am häufigsten einzeln eingesetzte Zahlungsmittel.

Die Studie zeigt außerdem:

  • 80 Prozent halten es für wichtig, dass das Bezahlen mit Bargeld in Deutschland erhalten bleibt.
  • 68 Prozent möchten, dass grundsätzlich bei jeder Zahlung vor Ort auch Bargeld angenommen wird.
  • Weitere 18 Prozent verlangen diese Möglichkeit zumindest in lebensnotwendigen Bereichen.
  • Nur 13 Prozent halten eine Barzahlungsmöglichkeit vor Ort für nicht notwendig.
  • Ältere Menschen, Personen mit geringen digitalen Kenntnissen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Personen in finanziell schwierigen Situationen verwenden überdurchschnittlich häufig Bargeld.
  • 12 Prozent der Befragten erklärten, dass sie ohne Bargeld große Schwierigkeiten bei Einkäufen und anderen Alltagsgeschäften hätten. Weitere 29 Prozent rechnen zumindest teilweise mit Schwierigkeiten.

Für die Studie wurden 6.070 Personen befragt; 5.302 Teilnehmende führten zusätzlich ein Zahlungstagebuch. Es handelt sich damit um eine breit angelegte Untersuchung und nicht um eine beliebige Onlineumfrage.

Die Bundesbank warnt ausdrücklich davor, dass eine sinkende Bargeldakzeptanz die Wahlfreiheit beeinträchtigen kann. Ihr Ziel sei ein Zahlungsverkehr, der effizient, sicher und für alle zugänglich bleibt und den Menschen auch zukünftig
eine echte Wahl lässt. Deutsche Bundesbank: Zahlungsverhalten in Deutschland 2025

Genau diese Wahlfreiheit wird auf Norderney in immer mehr Bereichen eingeschränkt.

Hohe Investitionen verlangen Transparenz

Die Digitalisierung des Staatsbades besteht nicht nur aus einer App.

Für die Entwicklung der App „Norderney – mein Inselassistent“ wurde ein Projektvolumen von rund 300.000 Euro genannt. Nach einem Bericht des Norderneyer Morgen erhöhen Personalaufwand und begleitende Maßnahmen die tatsächlichen Kosten
zusätzlich. Norderneyer Morgen: Staatsbad wagt digitalen Vorstoß

Im Juli 2026 wurde außerdem ein Förderbescheid über rund 880.000 Euro für das Projekt „Digitale Wellen“ übergeben.

Geplant sind unter anderem:

  • interaktive Informationssäulen,
  • digitale Servicepunkte,
  • Buchungs- und Informationsterminals,
  • digitale Bezahl- und Zutrittssysteme,
  • LED-Informationsflächen,
  • QR-Code-Schnellzugänge,
  • digitale Anmeldestationen,
  • Selbstbedienungsangebote,
  • eine veränderte Besucherlenkung,
  • neue Servicebereiche und bauliche Anpassungen.

Nach Darstellung des Staatsbades sollen die digitalen Angebote mit persönlicher Beratung verbunden werden. Die Digitalisierung solle den Menschen nicht ersetzen, sondern Freiräume für bessere Beratung schaffen. Staatsbad Norderney: Pressemitteilung zu „Digitale Wellen“

An diesem Versprechen muss sich das Staatsbad messen lassen.

Denn eine digitale Informationssäule ist noch kein besserer Service. Ein QR-Code ist noch keine persönliche Beratung. Und ein Selbstbedienungsterminal schafft nur dann einen Vorteil, wenn parallel weiterhin ein erreichbarer Ansprechpartner
vorhanden ist.

Fördermittel sind keine geschenkten Gelder. Es sind Steuergelder. Deshalb darf die Höhe einer Förderung niemals als alleiniger Beweis für die Sinnhaftigkeit eines Projekts gelten.

Wenn für App, Terminals, Technik, bauliche Veränderungen und laufenden Betrieb erhebliche Summen eingesetzt werden, müssen auch die Ergebnisse nachvollziehbar offengelegt werden.

Wir erwarten deshalb Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie hoch ist das vollständige Investitionsvolumen des Projekts „Digitale Wellen“?
  • Welchen Eigenanteil trägt das Staatsbad?
  • Welche jährlichen Kosten entstehen für Wartung, Softwarelizenzen, Updates, Personal und technischen Support?
  • Wie viele Menschen nutzen die App regelmäßig und nicht nur einmalig?
  • Welche konkreten Einsparungen wurden bisher erreicht?
  • Wurden Öffnungszeiten, Kassenplätze oder persönliche Ansprechpartner reduziert?
  • Wie werden Gäste ohne Smartphone oder mit geringen digitalen Kenntnissen unterstützt?
  • Wie wird überprüft, ob die versprochenen kürzeren Wartezeiten tatsächlich erreicht werden?
  • Welche Alternativen bestehen bei einem Ausfall der Technik, der Internetverbindung oder des Zahlungssystems?

Wer öffentliche Gelder einsetzt, muss nicht nur über neue Technik berichten. Er muss auch belegen können, welchen messbaren Nutzen diese Technik für Gäste und Einheimische bringt.

Der digitale Weg beginnt bereits bei der Fähre

Auch die Reederei Norden-Frisia setzt mit FRISONAUT stark auf digitale Buchungs- und Serviceangebote. Positiv ist: Fährtickets können nach den veröffentlichten Informationen weiterhin persönlich an den Fahrkartenschaltern in Norddeich,
auf Norderney und auf Juist erworben werden. Die Reederei veröffentlicht außerdem eine Telefonnummer, eine E-Mail-Adresse und ein Kontaktformular. Hilfecenter der Inselfähre

Die Kritik richtet sich daher nicht gegen die Möglichkeit, Fahrkarten digital zu buchen.

Sie richtet sich gegen eine Entwicklung, die viele Anrufer inzwischen erleben: Wer telefonisch eine Auskunft benötigt, trifft zunächst auf ein automatisiertes beziehungsweise KI-gestütztes Sprachsystem. Auch uns erreichen Rückmeldungen
von Menschen, die diese Form der Kommunikation als unpersönlich, umständlich und wenig hilfreich empfinden.

Gerade bei einer Reederei gibt es Anliegen, die nicht immer in ein vorgegebenes digitales Schema passen:

  • kurzfristige Umbuchungen,
  • Fahrzeugmitnahme,
  • Verspätungen und Anschlussverbindungen,
  • besondere gesundheitliche Einschränkungen,
  • Probleme bei einer Buchung,
  • außergewöhnliche persönliche Situationen.

In solchen Fällen möchten Menschen nicht mehrfach ihr Anliegen einer künstlichen Stimme erklären. Sie möchten einen erreichbaren Ansprechpartner, der zuhört, nachfragt und Entscheidungen treffen kann.

Künstliche Intelligenz kann einfache Fragen beantworten und Mitarbeiter entlasten. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Aber es muss jederzeit einen klaren und schnellen Weg zu einem echten Menschen geben.

Eine KI darf eine Eingangstür sein. Sie darf aber keine verschlossene Tür zum persönlichen Service werden.

Die Fähre ist für die meisten Gäste der erste und der letzte unmittelbare Kontakt mit Norderney. Wenn wir von Gastfreundschaft sprechen, darf diese nicht erst nach dem Verlassen des Hafens beginnen.

Digitalisierung darf kein Sparprogramm auf Kosten der Gäste werden

Digitale Angebote können Personal entlasten. Das ist sinnvoll, wenn die dadurch frei werdende Zeit tatsächlich für bessere Beratung, mehr Hilfestellung und eine höhere Erreichbarkeit eingesetzt wird.

Problematisch wird es, wenn Digitalisierung vor allem bedeutet:

  • weniger Kassen,
  • kürzere persönliche Erreichbarkeit,
  • mehr Selbstbedienung,
  • mehr Verantwortung für den Gast,
  • zusätzliche Registrierungsschritte,
  • unübersichtliche Buchungswege,
  • und am Ende weniger Menschen, die bei einem Problem helfen können.

Dann wird nicht der Service verbessert. Dann wird Arbeit vom Anbieter auf den Kunden verlagert.

Der Gast sucht das Angebot selbst heraus, legt ein Benutzerkonto an, gibt seine Daten ein, bucht, bezahlt, kontrolliert den Vorgang und versucht bei Problemen zunächst, sich durch Hilfeseiten, Sprachsysteme oder Kontaktformulare zu
arbeiten.

Das mag betriebswirtschaftlich bequem erscheinen. Gastfreundlich ist es nicht automatisch.

Unsere Forderungen

Die Freien Wähler Norderney sind nicht gegen Digitalisierung. Wir wenden uns gegen eine Digitalisierung, die Menschen ausschließt, persönliche Ansprechpartner verdrängt und Wahlmöglichkeiten abschafft.

Wir fordern deshalb:

1. Barzahlung und Kartenzahlung an zentralen Stellen

In jeder zentralen Einrichtung des Staatsbades muss mindestens eine Kasse vorhanden sein, an der Gäste unmittelbar bar oder mit Karte bezahlen können.

2. Keine Benachteiligung an der Abendkasse

Wer spontan eine Veranstaltung oder einen Kinofilm besuchen möchte, muss auch an der Abendkasse eine praktikable Zahlungsmöglichkeit haben – ohne vorher während der Öffnungszeiten einen Gutschein kaufen zu müssen.

3. Direkte Erreichbarkeit eines Menschen

Digitale Assistenten und KI-Sprachsysteme dürfen unterstützen. Es muss aber immer eine leicht erkennbare Möglichkeit geben, ohne komplizierte Umwege zu einem persönlichen Ansprechpartner weitergeleitet zu werden.

4. Vollständige Kostentransparenz

Projektvolumen, Fördermittel, Eigenanteile, Folgekosten, Wartungskosten und Personalaufwand der Digitalisierungsprojekte müssen nachvollziehbar veröffentlicht werden.

5. Messbare Erfolgskontrolle

Nicht die Zahl installierter Terminals oder heruntergeladener Apps ist entscheidend. Maßgeblich sind tatsächliche Nutzung, kürzere Wartezeiten, weniger Beschwerden und eine nachweisbare Verbesserung des Services.

6. Analoge Rückfallebenen

Bei technischen Störungen, fehlender Internetverbindung oder individuellen Schwierigkeiten müssen Buchung, Zahlung und Beratung weiterhin auf einem anderen Weg möglich sein.

7. Datenschutz und freiwillige Nutzung

Niemand darf dazu gedrängt werden, für eine einfache touristische Leistung ein Benutzerkonto anzulegen, persönliche Interessen zu hinterlegen oder eine App auf dem eigenen Smartphone zu installieren.

Fortschritt braucht Wahlfreiheit

Norderney soll modern bleiben und sich technisch weiterentwickeln. Aber Modernität zeigt sich nicht darin, wie viele Kassen abgeschafft, Automaten aufgestellt oder Gespräche automatisiert werden.

Modern ist ein Urlaubsort dann, wenn er unterschiedliche Menschen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse ernst nimmt.

Der technikbegeisterte Gast darf alles bequem über sein Smartphone buchen. Der Gast ohne Smartphone muss dieselbe Leistung ebenso unkompliziert erhalten. Wer mit Karte zahlen möchte, soll das tun können. Wer Bargeld bevorzugt, darf
nicht auf einen umständlichen Gutscheinweg geschickt werden. Und wer bei einem Problem Hilfe braucht, muss einen Menschen erreichen können.

Unsere Haltung ist deshalb eindeutig:

Digital, wo es wirklich hilft.

Persönlich, wo es gebraucht wird.

Bar oder mit Karte – der Gast muss die Wahl behalten.

Künstliche Intelligenz als Unterstützung, aber niemals als Ersatz für menschliche Erreichbarkeit.

Denn Gastfreundschaft bedeutet nicht, dass sich der Gast dem System anpassen muss.

Ein guter Service passt sich dem Gast an – und nicht umgekehrt.

Quelle & Einordnung

Übernommen von der bisherigen FWN-Webseite. Die Ausschusszuordnung dient der thematischen Orientierung.

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