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Küstenschutz neu denken

Sandfang, Bepflanzung, Stranddrainage und naturbasierte Ansätze im Überblick.

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Müssen wir wirklich immer wieder neuen Sand aufspülen? Oder können wir dafür sorgen, dass vorhandener Sand länger bleibt? Andere Länder gehen bereits neue Wege und arbeiten mit der Natur statt gegen sie . Stranddrainagen, Sandfang, Dünenaufbau oder vorgelagerte Sanddepots sind mögliche Ansätze. Nicht alles wird für Norderney geeignet sein – aber alles sollte geprüft werden. In unserer dreiteiligen Serie schauen wir über den Tellerrand.

DEN SAND HALTEN, STATT IHN IMMER WIEDER ZU ERSETZEN

Küstenschutz neu denken – gibt es Alternativen zur immer neuen Sandaufspülung?

Wind, Wellen und Strömungen gehören zu Norderney. Sie haben unsere Insel geformt und werden sie auch in Zukunft verändern.

Gleichzeitig stellen sie den Küstenschutz vor eine gewaltige Aufgabe: Sand wird abgetragen, Strände verändern sich und Dünen müssen geschützt und teilweise verstärkt werden.

Die klassische Antwort darauf kennen wir: Sand wird wieder aufgespült.

Das funktioniert und ist für den Schutz unserer Insel unverzichtbar. Aber langfristig sollten wir uns trotzdem eine weitere Frage erlauben:

Können wir zusätzlich mehr dafür tun, dass der vorhandene Sand dort bleibt, wo wir ihn brauchen?

Denn Küstenschutz muss nicht zwangsläufig bedeuten, ausschließlich immer wieder neuen Sand heranzuschaffen.

Sandfangzäune – einfach, aber wirkungsvoll

Eine der ältesten Methoden ist gleichzeitig eine der natürlichsten: Sandfangzäune.

Sie reduzieren die Windgeschwindigkeit unmittelbar über dem Strand. Der vom Wind transportierte Sand bleibt hängen und lagert sich ab. Dadurch können sich Vordünen entwickeln oder bestehende Dünen verstärkt werden.

Das Verfahren ist keineswegs exotisch. Auch auf den Nordseeinseln spielen Sandfang und Strandhafer seit langer Zeit eine Rolle.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Sandfangzäune die Bildung von Vordünen deutlich beeinflussen können. Sie ersetzen keinen Schutz gegen schwere Sturmfluten, können aber dabei helfen, den durch Wind bewegten Sand wieder
für den natürlichen Dünenaufbau zu nutzen.

Pflanzen können Küstenschutz sein

Ähnlich funktioniert Strandhafer .

Seine oberirdischen Teile bremsen den Wind und fangen Sand ein. Wird die Pflanze teilweise überweht, wächst sie weiter nach oben. Gleichzeitig stabilisiert ihr Wurzelsystem den Sand.

So kann aus Flugsand nach und nach eine stabile Düne entstehen.

Die Natur erledigt damit einen Teil des Küstenschutzes selbst.

Vielleicht müssen wir deshalb künftig noch stärker fragen:

Wo können wir natürliche Prozesse gezielt unterstützen, anstatt permanent gegen sie anzukämpfen?

Denn jeder Kubikmeter Sand, den wir dauerhaft am Strand oder in der Düne halten können, muss nicht erneut ersetzt werden.

Im zweiten Teil geht es um eine ungewöhnliche Technik aus Skandinavien: Kann eine Drainage unter dem Strand tatsächlich dazu beitragen, dass weniger Sand von den Wellen zurück ins Meer getragen wird?

WASSER UNTER DEM STRAND – KANN DRAINAGE DEN SAND FESTHALTEN?

Eine ungewöhnliche Idee: den Strand von unten beeinflussen

Ein besonders interessanter Ansatz ist die sogenannte Stranddrainage oder Beach Drainage .

Das Prinzip klingt zunächst ungewöhnlich:

Unter dem Strand werden parallel zur Küste Drainagerohre verlegt. Diese senken den Grundwasserstand innerhalb des Strandkörpers.

Warum könnte das helfen?

Wenn eine Welle auf den Strand läuft, transportiert sie Wasser und Sand Richtung Land. Beim Zurücklaufen nimmt das Wasser wiederum Sand mit zurück Richtung Meer.

Ist der Sand weniger wassergesättigt, kann ein größerer Teil des auflaufenden Wassers in den Strand einsickern. Dadurch kann sich die Rückströmung verändern und unter geeigneten Bedingungen weniger Sand wieder Richtung Meer transportiert
werden.

Das Ziel lautet also:

Nicht zusätzlichen Sand heranschaffen – sondern versuchen, den vorhandenen Sand länger am Strand zu halten.

Keine Theorie – aber auch kein Wundermittel

Stranddrainagen wurden international bereits untersucht und praktisch erprobt. In der Fachliteratur werden sie als eine Form des „Soft Engineering“, also eines vergleichsweise weichen Küstenschutzes, beschrieben.

Allerdings zeigen die bisherigen Untersuchungen auch etwas Wichtiges:

Die Ergebnisse sind nicht überall gleich.

Gezeiten, Sandkörnung, Strandgefälle, Grundwasser, Wellen und Strömungsverhältnisse unterscheiden sich von Küste zu Küste.

Deshalb wäre es unseriös zu behaupten:

„Wir bauen eine Drainage und das Problem ist gelöst.“

Darum geht es auch überhaupt nicht.

Die richtige Frage müsste vielmehr lauten:

Wäre dieses Verfahren unter den besonderen Bedingungen Norderneys überhaupt wirksam?

Das könnte man wissenschaftlich untersuchen und – sofern naturschutzrechtlich und technisch möglich – eventuell auf einem begrenzten Abschnitt testen.

Und wohin mit dem Wasser?

Auch hier entsteht eine interessante Überlegung.

Das durch den Sand angesaugte Meerwasser ist bereits natürlich vorgefiltert. Je nach Qualität und weiterer Aufbereitung könnte untersucht werden, ob dieses Wasser einer zusätzlichen Nutzung zugeführt werden kann.

Damit könnte aus einer reinen Küstenschutzmaßnahme möglicherweise ein System mit mehreren Funktionen entstehen.

Ob das auf Norderney sinnvoll, wirtschaftlich und genehmigungsfähig wäre, wissen wir heute nicht.

Aber genau deshalb sollte man solche Ideen prüfen und nicht vorschnell verwerfen.

Im dritten Teil schauen wir über die Grenze in die Niederlande. Dort wurde Küstenschutz noch größer gedacht: Nicht die Natur aufhalten – sondern Wind, Wellen und Strömung gezielt für den Küstenschutz arbeiten lassen.

MIT DER NORDSEE ARBEITEN, STATT NUR GEGEN SIE

Was können wir von anderen Küsten lernen?

Eines der interessantesten europäischen Küstenschutzprojekte liegt in den Niederlanden.

2011 wurde dort der sogenannte Zandmotor – Sandmotor – geschaffen.

Dabei wurden rund 21,5 Millionen Kubikmeter Sand konzentriert vor einem Küstenabschnitt aufgebracht.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen Strandaufspülung:

Man wollte nicht versuchen, den gesamten Sand genau dort festzuhalten, wo er eingebracht wurde.

Im Gegenteil.

Wind, Wellen und Meeresströmungen sollten den Sand selbst entlang der Küste und in Richtung der Dünen verteilen.

Nach zehn Jahren bewertete das niederländische Forschungsinstitut Deltares das Pilotprojekt als Erfolg. Die Küste wurde breiter und die Dünen entwickelten sich weiter.

Das Prinzip trägt einen bemerkenswerten Namen:

„Building with Nature“ – Bauen mit der Natur

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Gedanke für die Zukunft des Küstenschutzes.

Wir werden die Kräfte der Nordsee niemals stoppen.

Aber möglicherweise können wir sie an manchen Stellen besser für uns arbeiten lassen.

Neben großflächigen Sanddepots werden international weitere Möglichkeiten untersucht: vorgelagerte Sandbänke, Unterwasserstrukturen oder künstliche Riffe können beispielsweise die Wellenenergie verändern, bevor sie den Strand
erreicht.

Auch solche Maßnahmen haben Risiken. Eine Veränderung der Strömung an einer Stelle kann Auswirkungen auf einen anderen Strandabschnitt haben. Gerade in einem hochsensiblen Naturraum wie dem Wattenmeer müsste jede Maßnahme deshalb
sorgfältig untersucht und genehmigt werden.

Nicht irgendeine Lösung – sondern die beste Lösung suchen

Uns geht es deshalb ausdrücklich nicht darum, morgen Drainagerohre, künstliche Riffe oder einen Sandmotor vor Norderney zu bauen.

Es geht um etwas Grundsätzlicheres:

Wir sollten Küstenschutz nicht ausschließlich danach beurteilen, was wir bisher gemacht haben.

Andere Länder forschen intensiv daran, Küsten mit natürlichen Prozessen zu schützen.

Warum sollten wir nicht untersuchen, welche dieser Erfahrungen für Norderney interessant sein könnten?

Denkbar wäre beispielsweise ein wissenschaftliches Konzept, bei dem verschiedene Ansätze miteinander verglichen werden:

Sandfang und Dünenvegetation gegen Windabtrag.

Stranddrainage gegen möglichen Sandverlust in der Brandungszone.

Vorgelagerte Sanddepots als langfristiger Sandvorrat.

Und dort, wo es ökologisch und technisch vertretbar ist, Untersuchungen zu Unterwasserstrukturen, die einen Teil der Wellenenergie aufnehmen.

Unser Vorschlag: erst untersuchen, dann entscheiden

Naturschutz, Nationalpark und Weltnaturerbe müssen dabei selbstverständlich berücksichtigt werden.

Aber daraus sollte nicht folgen, dass wir neue Ideen gar nicht erst untersuchen.

Im Gegenteil:

Gerade weil Norderney in einem einzigartigen Naturraum liegt, sollten wir nach Lösungen suchen, die möglichst stark mit natürlichen Prozessen arbeiten.

Vielleicht stellt sich bei einer Untersuchung heraus, dass manche dieser Verfahren für Norderney ungeeignet sind.

Dann haben wir etwas gelernt.

Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass eine Kombination verschiedener Maßnahmen dazu beitragen kann, Sand länger am Strand zu halten, Dünen natürlicher wachsen zu lassen und die Abstände zwischen notwendigen Sandaufspülungen
langfristig zu vergrößern.

Dann wäre viel gewonnen.

Unser Ziel sollte deshalb nicht heißen:

„Keine Sandaufspülungen mehr.“

Sondern:

„Wie können wir erreichen, dass wir möglichst wenig Sand immer wieder neu aufspülen müssen?“

Küstenschutz wird für Norderney eine Daueraufgabe bleiben.

Gerade deshalb lohnt es sich, heute darüber nachzudenken, wie der Küstenschutz von morgen aussehen kann.

FREIE WÄHLER NORDERNEY

Nicht einfach weitermachen wie bisher. Neue Möglichkeiten prüfen. Von anderen lernen. Und die beste Lösung für unsere Insel suchen.

Quelle & Einordnung

Übernommen von der bisherigen FWN-Webseite. Die Ausschusszuordnung dient der thematischen Orientierung.

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